Schielen bei Kindern: Ursachen erkennen und behandeln

Redaktion
IKK classic

Unbehandelt kann Schielen bei Kindern zu dauerhaften Sehstörungen und Einschränkungen des räumlichen Sehens führen. Wird es rechtzeitig diagnostiziert und behandelt, sind die Erfolgschancen einer Behandlung aber sehr gut. Hier erfahren Eltern, was zu tun ist.

Wenn die Augen eines Kindes nicht parallel ausgerichtet sind, mag das zunächst harmlos wirken. Doch dieses Phänomen, bekannt als Schielen, kann erhebliche Auswirkungen auf die Sehentwicklung haben.

Prof. Dr. Thomas Neuhann, Augenchirurg, Gründer und medizinischer Leiter der EuroEyes Augenklinik München, gibt Einblicke in die häufigsten Ursachen des Schielens bei Kindern, erklärt, wie es die Sehentwicklung beeinflusst und stellt die wichtigsten Behandlungsmöglichkeiten vor. 

Warum schielen Kinder? Mögliche Ursachen und Risikofaktoren

Schielen (medizinisch als Strabismus bezeichnet) ist eine der häufigsten Sehstörungen im Kindesalter. Statistisch gesehen findet sich in jeder Schulklasse ein Kind, das schielt. Die Ursachen sind vielfältig – oft spielen Fehlsichtigkeiten, eine ungleiche Sehstärke beider Augen oder genetische Faktoren eine Rolle. Die Schielabweichung kann dabei nach innen, nach außen oder vertikal bestehen.

  • Fehlsichtigkeit als häufige Ursache

    In vielen Fällen liegt beim kindlichen Schielen eine nicht erkannte Weitsichtigkeit vor. „Kinder mit einer starken Weitsichtigkeit müssen die Naheinstellung der Augen stärker beanspruchen, als der Entfernung entspricht, um scharf zu sehen. Damit ist ein übermäßiger Anreiz zur Einwärtsdrehung verbunden, der ein Einwärts-Schielen verursachen bzw. verstärken kann“, erklärt Prof. Dr. Neuhann. Auch eine stärkere Hornhautverkrümmung (Astigmatismus) kann das Sehen beeinträchtigen und in manchen Fällen ein Schielen begünstigen.

  • Anisometropie – wenn die Augen unterschiedlich sehen

    Eine ungleiche Fehlsichtigkeit der Augen (Anisometropie) kann deren Zusammenarbeit stören. Das Gehirn erhält zwei unterschiedlich scharfe Bilder und kann diese nicht optimal zu einem Gesamtbild verschmelzen: Es blendet das unscharfe Bild aus, was zur Schwachsichtigkeit (Amblyopie) und zum Schielen führen kann. Bei Kindern empfiehlt es sich daher, eine Augen-Vorsorge-Untersuchung zu machen, auch Amblyopiescreening genannt. Die Untersuchung kann bereits im ersten Lebensjahr erfolgen.

Ist Schielen vererbbar?

Schielen kann eine genetische Komponente haben, da bestimmte Formen des Schielens in Familien gehäuft auftreten. Prof. Dr. Neuhann sagt dazu: „Die Tatsache, dass Schielen in manchen Familien häufiger vorkommt, lässt darauf schließen, dass zumindest die Veranlagung erblich sein kann.“ Das bedeutet, dass Kinder, deren Eltern oder nahe Verwandte schielen, ein erhöhtes Risiko haben, ebenfalls betroffen zu sein.

Formen des kindlichen Schielens

  • Frühkindliches oder angeborenes Schielen:

    Tritt auf, wenn ein Baby bereits in den ersten Lebensmonaten konstant schielt. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung ist wichtig, um spätere Sehprobleme zu vermeiden. 

  • Mikrostrabismus:

    Diese minimale Fehlstellung der Augen bleibt oft unbemerkt und wird häufig erst zu Schulbeginn erkannt. Wird sie nicht rechtzeitig behandelt, kann sie zu einer funktionalen Sehschwäche führen. 

  • Akkommodatives Schielen:

    Besonders bei stark weitsichtigen Kindern kommt es zum Schielen, weil das Auge beim Scharfstellen übermäßig arbeiten muss. Eine Korrektur der Weitsichtigkeit kann helfen, das Schielen zu verhindern. 

  • Normosensorisches Spätschielen:

    Manche Kinder beginnen erst später zu schielen – oft ausgelöst durch eine Sehverschlechterung oder nach einer Erkrankung. Diese Variante kann plötzlich auftreten und sollte umgehend augenärztlich behandelt werden.   

Auch Kombinationen dieser Schielformen sind möglich. Da einige, wie der Mikrostrabismus, von Eltern nicht bemerkt werden, raten Augenärztinnen und Augenärzte zu regelmäßigen Kontrollen. Besonders Kinder mit familiärer Vorbelastung sollten früh (bereits als Säuglinge im Alter von sechs bis zwölf Monaten) untersucht werden, um langfristige Sehprobleme zu vermeiden – beispielsweise im Rahmen der kindlichen Gesundheitsuntersuchungen bei einer Kinderärztin oder einem Kinderarzt (sogenannte U-Untersuchungen) oder bei einer Augenärztin bzw. einem Augenarzt.

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Latentes Schielen bei Kindern: Unbemerkte Sehprobleme

Nicht jedes Schielen ist sofort erkennbar. Ein sogenanntes latentes Schielen tritt nur in bestimmten Situationen auf, etwa bei Müdigkeit oder Stress.  

Schätzungen zufolge haben 70-80 % der Menschen ein solches verstecktes – überwiegend gering ausgeprägtes – Schielen. Während es oft unbemerkt bleibt, kann es bei Kindern zu Beschwerden wie frontalen Kopfschmerzen, Konzentrationsproblemen, schneller Ermüdung beim Lesen oder verschwommenem Sehen führen. Auch gelegentliches Doppeltsehen oder Schwierigkeiten beim Einschätzen von Entfernungen können auftreten.  

Eltern sollten aufmerksam werden, wenn ihr Kind über diese Probleme klagt oder eine leicht schräge Kopfhaltung einnimmt. Eine frühzeitige augenärztliche Untersuchung kann helfen, Sehprobleme zu erkennen und geeignete Maßnahmen wie eine Brillenkorrektur oder Sehtraining einzuleiten. In manchen Fällen kann latentes Schielen auch in ein dauerhaft sichtbares Schielen (manifestes Schielen) übergehen. 

Schielen bei Kleinkindern: Wann sollte man handeln?

Gelegentliches Schielen ist bei Neugeborenen normal. Bis zum dritten Lebensmonat sollten sich die Augen jedoch weitgehend synchronisieren. Wenn das Schielen über einen längeren Zeitraum anhält, sollten Eltern nicht zögern und ihr Baby einer Augenärztin oder einem Augenarzt vorstellen. Je früher eine Behandlung beginnt, desto besser stehen die Chancen, das Sehen zu korrigieren.

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Psychosoziale Auswirkungen: Warum Schielen mehr als nur ein Sehproblem ist

Schielen betrifft nicht nur die Augen, sondern kann auch das Selbstbewusstsein und die soziale Entwicklung eines Kindes beeinflussen. Auch im Erwachsenenalter kann Schielen eine Belastung sein.

Studien zeigen, dass Betroffene häufiger unter Unsicherheiten im sozialen und beruflichen Umfeld leiden. Blickkontakt spielt eine große Rolle in der zwischenmenschlichen Kommunikation – fällt dieser schwer, kann das zu Missverständnissen führen. Eine rechtzeitige Behandlung kann nicht nur das Sehvermögen, sondern auch das Selbstvertrauen stärken. 

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Behandlungsmöglichkeiten gegen Schielen

Die Therapie des Schielens hängt von der Ursache, der Ausprägung und dem Alter des Kindes ab. Ein früher Behandlungsbeginn ist entscheidend: „Die Sehentwicklung ist nur in den ersten Lebensjahren formbar. Ab dem achten oder neunten Lebensjahr sind Korrekturen oft nicht mehr vollständig möglich“, so Prof. Dr. Neuhann. Die Behandlung umfasst drei zentrale Maßnahmen:

  • Sehtraining:

    Schielen kann dazu führen, dass das Gehirn das Bild des schwächeren Auges unterdrückt, so dass sich eine Sehschwäche (Amblyopie) entwickelt. Um dies zu verhindern, kommt in der Regel eine Okklusionstherapie zum Einsatz: Das stärkere Auge wird für mehrere Stunden am Tag mit einem Pflaster abgedeckt, damit das schwächere trainiert und die Sehschärfe verbessert wird. „In der Anfangsphase wird das Auge oft über längere Zeit abgeklebt, später wird die Tragedauer individuell angepasst“, sagt Prof. Dr. Neuhann.  

  • Brillenkorrektur: 

    Viele schielende Kinder haben eine Fehlsichtigkeit (meist Weitsichtigkeit). Eine passende Brille kann helfen, den Schielwinkel zu verringern oder sogar vollständig zu korrigieren. „Besonders beim akkommodativen Schielen kann die richtige Brille das Problem lösen, ohne dass eine Operation notwendig wird“, erklärt Prof. Dr. Neuhann. 

  • Augenoperation:

    Ist der Schielwinkel ausgeprägt oder bestehen trotz Brille und Sehtraining weiterhin Probleme, kann eine Operation notwendig sein. Hierbei werden die Augenmuskeln so verlagert, dass die Augen wieder so parallel wie möglich ausgerichtet sind. Etwa die Hälfte der betroffenen Kinder benötigt eine Operation. „Dabei geht es nicht nur um das äußere Erscheinungsbild, sondern auch um die Optimierung des beidäugigen Sehens”, betont Prof. Dr. Neuhann. Der Eingriff erfolgt meist zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr, bei sehr starkem Schielen in Ausnahmefällen früher. Schieloperationen bei Kindern erfolgen in der Regel ambulant unter Vollnarkose. Sie sind risikoarm und haben in der Regel sehr gute Erfolgsaussichten.

Wie Sie Ihr Kind unterstützen können

Die Diagnose Schielen kann für Eltern und Kinder eine Herausforderung darstellen. Doch mit einfühlsamer Begleitung können Eltern wesentlich zum Behandlungserfolg beitragen:

  • Positive Einstellung zur Therapie fördern:

    Ein Augenpflaster kann für Kinder ungewohnt und unangenehm sein. Tipp: Lassen Sie Ihr Kind ein Pflaster mit seinem Lieblingsmotiv auswählen oder führen Sie kleine Belohnungen für das Tragen ein.

  • Offene Kommunikation und Aufklärung:

    Es ist wichtig, dass Kinder in einer altersgerechten Sprache verstehen, warum die Behandlung notwendig ist. Tipp: Gerade jüngere Kinder verstehen die Situation besser, wenn sie mit ihren Eltern ein Bilderbuch zum Thema anschauen und Fragen stellen können.   

  • Umgang mit möglichen Hänseleien: 

    Auf mögliche negative Kommentare anderer Kinder können Eltern ihr Kind vorbereiten. Ein möglicher Ansatz ist, dem Kind beizubringen, ruhig zu bleiben und selbstbewusst zu antworten, wie zum Beispiel: „Das Pflaster hilft mir, besser zu sehen.“  

  • Regelmäßige augenärztliche Kontrollen wahrnehmen:

    Die Untersuchungen stellen sicher, dass die Therapie optimal verläuft. Eltern sollten darauf achten, alle Termine einzuhalten und bei Fragen oder Unsicherheiten das Gespräch mit der Augenärztin oder dem Augenarzt zu suchen.​ 

Fazit: Frühzeitige Diagnose ist entscheidend

Unbehandelt kann Schielen zu dauerhaften Sehproblemen und dem Verlust des räumlichen Sehens führen. Deshalb sollten Eltern schon bei den ersten Anzeichen eine Augenärztin oder einen Augenarzt aufsuchen. Eine frühzeitige Diagnose und gezielte Therapie des Schielens bei Kindern, sei es durch eine passende Brille, eine Okklusionstherapie oder in manchen Fällen eine Augenoperation, können die Sehentwicklung entscheidend verbessern. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Chancen, langfristige Einschränkungen zu vermeiden.

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Veröffentlicht am 03.04.2025

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