Eigenverantwortung ist gesund: Forscher der Indiana University haben herausgefunden, dass mehr Autonomie im Job zum Beispiel die Gefahr verringert, an einer Depression zu erkranken. Doch wenn der Aufgabenberg wächst und das Stresslevel steigt, kann die Psyche auch leiden. Oft liegt es daran, dass Menschen ihre Aufgaben nicht sauber delegieren – die Scheu, Aufgaben abzugeben, ist zu groß. Aber woran liegt das? Und wie lässt man am besten los?
Dr. Andreas Hagemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie weiß, welche psychischen Mechanismen daran hindern, Aufgaben abzugeben, und kennt die Gefahren der Überlastung am Arbeitsplatz. Im Interview erklärt er zudem, welche Vorteile das Delegieren mit sich bringt. Davon profitiert nämlich nicht nur die Person, die Aufgaben abgibt.

Delegieren lernen: So geben Sie Aufgaben richtig ab
Eine hohe Arbeitsbelastung bedeutet Stress – und auf Dauer kann das auf die Psyche schlagen. Oft lassen sich Aufgaben abgeben, doch viele Menschen haben Schwierigkeiten dabei. Warum ist Delegieren so schwer? Und wie geht es richtig?
Loszulassen und Verantwortung anderen Menschen zu übertragen, bedeutet immer auch Macht und Kontrolle abzugeben.
Der erste Schritt: Keine Angst vor Mehraufwand zu Beginn
Am Anfang bedeutet eine durchdachte Aufgabenverteilung tatsächlich Mehrarbeit. Die Zeitersparnis und der gewonnene Freiraum stellen sich meist erst mittel- bis langfristig ein und sind nicht direkt spürbar. Eine Aufgabe abzugeben, benötigt eine solide Vorbereitung. Außerdem sind im Verlauf Kontroll- und Feedbackprozesse nötig. Mit Blick auf die langfristigen Vorteile, die Delegieren für Führungskräfte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bringt, lohnt sich dieser Aufwand jedoch.
Beispiele für richtiges und falsches Deligieren
Delegieren kann Teams stärken – oder Chaos verursachen. Entscheidend ist, wie klar die Aufgabe formuliert ist und ob die richtige Unterstützung geboten wird. Hier zeigen wir, was gut funktioniert und warum, und welche Fehler Sie vermeiden sollten.
Ziel | Aufgabe | Grund | Ergebnis |
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Selbstständigkeit fördern |
Ein Mitarbeiter übernimmt die Kontrolle und Nachbestellung von Werkzeug und Material. |
Die Aufgabe ist klar definiert, mit genauen Vorgaben zu Marke und Menge. Zudem erhält der Geselle die Vollmacht zur Bestellung, ohne Einmischung des Vorgesetzten. |
Der Vorgesetzte gewinnt Zeit für strategische Themen, während der Mitarbeiter seine Kompetenz ausbaut. |
Alltagsnahe Delegation mit Verantwortung |
Azubis übernehmen eine einfache Fachaufgabe. Ein erfahrener Geselle erklärt den Ablauf, begleitet sie im Alltag und steht bei Fragen bereit. |
Praxisnahes Lernen, der Geselle übernimmt Verantwortung, der Chef erkundigt sich regelmäßig und gibt Feedback. |
Die Azubis fühlen sich gefördert und sicher, der Geselle entwickelt Führungsfähigkeit, der Chef zeigt Vertrauen und schafft ein unterstützendes Arbeitsumfeld. |
Entwicklungschance bieten |
Eine Nachwuchskraft hält eine Präsentation bei einem Kundentermin, mit vorheriger inhaltlicher Unterstützung. Der Chef bleibt präsent. |
Die Delegation bietet einen Lerneffekt und motiviert durch Verantwortung. Ein Vertrauensvorschuss stärkt das Selbstvertrauen der Nachwuchskraft. |
Die Nachwuchskraft entwickelt neue Fähigkeiten und gewinnt an Selbstvertrauen, was ihre zukünftige Leistung und Motivation steigert. |
Fehler | Aufgabe | Grund | Ergebnis |
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Unklare Kommunikation der Aufgaben |
Ein Mitarbeiter soll ein Projekt leiten, erhält aber keine Baupläne, Materialinfos oder Termine. |
Die vage Aufgabe führt zu Unsicherheit und Überforderung, da relevante Mittel fehlen. |
Frustration beim Mitarbeiter, Chaos und hohes Projektrisiko. |
Kritisches Personalgespräch abgeben |
Eine Gesellin soll ein Kündigungsgespräch führen, obwohl der Vorgesetzte dafür verantwortlich ist. |
Verantwortung kann nicht delegiert werden, und es sendet ein falsches Signal an das Team. Mangel an persönlicher Führungspräsenz. |
Das Vertrauen in die Führung sinkt. Die Beschäftigten fühlen sich möglicherweise unsicher, was sich negativ auf die Teamdynamik auswirkt. |
Unerfahrene allein zum Kunden schicken |
Ein neuer Mitarbeiter fährt ohne gründliche Vorbereitung und klare Anweisungen zum Kunden. |
Ohne gründliche Vorbereitung fehlt dem neuen Mitarbeiter das nötige Wissen über den Kunden. So entstehen mögliche Stolperfallen. |
Der Mitarbeiter ist unsicher, trifft womöglich falsche Aussagen und kann Fragen nicht beantworten. Das wirkt unprofessionell – der Kunde verliert Vertrauen. |
Sorgfalt beim Delegieren lohnt sich
Auch wenn es zunächst aufwendig klingt: Um gute Ergebnisse zu erzielen, sollten Sie sich die Zeit nehmen, um nicht nur die Aufgabe, sondern auch Ihr Wissen weiterzugeben. Mit einer gründlichen Vorbereitung und klaren Kommunikation der Arbeitsschritte stellen Sie sicher, dass die Umsetzung gelingt und setzen zudem den Grundstein für das nächste Mal – und dann ist der Prozess des Delegierens bereits eingeübt.
Quellenangaben
- news.iu.edu: Forschung zu Autonomie im Job